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Ein Impuls von Christian Bargel, GemRef

Marie konnte nicht viel. Sie konnte keinen Ball in den Korb werfen und die richtigen Wörter traf sie auch nicht. Marie konnte keinen Zopf flechten, kein Schiffchen falten und man ein Video aufnahm, wusste sie nicht. Aber eines konnte Marie: Sie konnte warten. Sie wartete am Ende der Supermarktschlange, und wenn sich einer vordrängelte, nahm sie es hin. Sie wartete, bis die Ampel auf Grün sprang und der Apfelbaum rot und schwer wurde und die Früchte fast in ihre Tasche fielen. Marie lag es fern, etwas zu erwarten, das nicht da war. Ungeduld kannte sie nicht. Sie wartete, bis die Dinge so weit waren. Milchreis brauchte 40 Minuten, ein mittelhartes Ei aber nur sechs. Doch was machte das für einen Unterschied? Milchreiszeit unterschied sich nicht von Einkaufszeit, denn jede Zeit umhüllte Marie wie eine Decke, und wenn sie gelüftet wurde, weil eine Zeit vorbei war, dann wickelte sie sich in eine andere, eine neue Zeit ein. Ein ganzes Leben hatte Marie es warm und gut, bis die Zeit endete und die Ewigkeit begann. Die Ewigkeit, entdeckte Marie, war länger als alles, eine Decke, bei der niemals die Füße hinausguckten. Dafür hatte sich das Warten wirklich gelohnt.

(Susanne Niemeyer; Warten, in: 100 Experimente mit Gott. Von Abenteuer bis Zuversicht, Herder 2018.)

 

 

Warten Kohelet Im Warten werden wir momentan auf eine ziemliche Probe gestellt. Wir warten vermutlich auf den normalen, unseren gewohnten Alltag. Wir warten auf den nächsten Tag und die nächste Woche. Der Alltag reduziert sich gerade auf wenige Dinge. Für mich stellt sich da die Frage: Wie kann ich mit diesen Einschränkungen umgehen? Und auch da kommt es wieder: Das Warten auf eine Antwort. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?
In der Bibel finden wir im Buch Kohelet einen Impuls, der diese Frage etwas positives gegenüberstellt: Alles hat seine Zeit – jedes Tun und jedes Geschehen. Momentan scheint nicht die Zeit für große Abenteuer und ausgelassene Feiern zu sein. Es scheint viel mehr, dass eine Orientierung auf die kleinen Dinge im Fokus steht. Mit einem solchen quasi erzwungenen Verzicht hat in dieser Fastenzeit wohl keiner gerechnet. Es ist die Zeit der Kleinigkeiten, die zu besonderen Highlights werden. Natürlich steht hier die große Herausforderung im Raum, sich über eine längere Zeit mit viel Rücksicht aufeinander einzulassen. Vielleicht ist es die Zeit der kleinen Tagesaufgaben; eine davon ist sicherlich, diese Zeit so gut es geht bewusst zu erleben.
Es ist aber auch die Zeit der großen Dankbarkeit gegenüber Menschen, die nach wie vor ihren Dienst an der der Gesellschaft tun.
Es ist Zeit, dankbar zu sein für jeden…
… pflegerischen und medizinischen Einsatz: Krankenschwestern & Pfleger, Ärzte, Rettungsdienstler.
… der sich für die Sicherheit einsetzt: Polizei, Feuerwehr, THW.
… der dafür sorgt, dass wir nach wie vor mit Lebensmitteln versorgt werden: Landwirte, Transporteure, Verkaufskräfte.
… der für das Unscheinbare sorgt: Müllabfuhr, Logistikzentren, und noch so vielen Menschen mehr.

In Kohelet steht: „Es gibt eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen.“ (Koh 3,7) Deute ich das Wort „Zusammennähen“ als ein Zusammenhalten, so denke ich, dass diese Zeit gerade wirklich für uns dran ist. Vielleicht können wir uns auch den Gedanken von Marie (aus der Geschichte) etwas zu Herzen nehmen: Sie erwartete nichts, was nicht da war, denn sie wartete, bis die Dinge soweit waren.

Für das Pfarrteam der PG Kürnach-Estenfeld-Mühlhausen
Christian Bargel
(Gemeindereferent)

 

 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.

Kohelet 3,1-8

 

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