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Die Bilder und Eindrücke der diesjährigen sechsten Etappe des Jakobsweges werden uns allen in besonderer Erinnerung bleiben, und das aus mehreren Gründen:Zum einen deshalb, weil wir dieses Jahr die letzten Kilometer des französischen Teiles gelaufen sind.

2007 begannen wir bei der Kathedrale von Vezelay in Burgund mit unserem Pilgerweg und sind von dort etwa 900 km gelaufen, bis wir 2012 St. Jean Pied de Port erreicht haben.

Jahrelang haben wir uns immer vor Augen gehalten: „Wenn wir mal in St. Jean Pied de Port ankommen, dann haben wir unseren ersten großen Teilabschnitt geschafft!“ Jetzt war dieses Teilziel Wirklichkeit geworden.
Mit dem Erreichen dieses kleinen, aber berühmten Grenzortes verabschiedeten wir uns von unseren bisherigen Wegbegleitern: der französischen Sprache und Landschaft und der Möglichkeit, relativ allein und ungestört pilgern zu können.

St. Jean Pied de Port ist für viele Pilger der Einstiegsort in ihren Pilgerweg und das hat Auswirkungen, die wir sofort bemerkten: Man begegnet wesentlich mehr Pilgern, und zwar aus allen Teilen der Welt. Ich erinnere mich an Ge-spräche mit Pilgern aus Korea, Bulgarien, den USA, Frankreich, der Dominikanischen Republik und natürlich aus Spanien.
Die vermehrte Anzahl der Pilger empfinde ich als Herausforderung und Chance zugleich: Man muss mehr darauf achten, Zeiten der Stille für sich selbst zu finden und zu schützen, kann aber auch interessante Gespräche mit anderen Pilgern führen und über deren Motivation und Biographie erfahren, die sie bewogen haben, auf den Jakobsweg zu gehen.

Die Etappe von 2012 werden wir natürlich auch aus dem Grund nicht so schnell vergessen, weil sie mit dem Aufstieg, der Überquerung und dem Abstieg der Pyrenäen verbunden war. Die Passhöhe auf 1430 m liegt gar nicht so hoch, ist aber mit einem Aufstieg (von St. Jean Pied de Port) von 1200 m und einem Abstieg von 500 m verbunden. Auf dem Pass kann man nicht übernachten. Es gibt nur an drei Stellen die Möglichkeit, Wasser zu schöpfen und von daher müssen alle Pilger diese Strecke bewältigen.
Wir hatten mit dem Wetter außerordentliches Glück. Es hatte nicht geregnet. Matschiger Boden hätte den Aufstieg noch mehr erschwert und bei strahlendem Sonnenschein bot sich uns ein herrlicher Ausblick auf die Landschaft. Diese Belohnung konnten auch die aus unserer Gruppe genießen, die der Aufstieg die letzten Kraftreserven kostete.

Noch vor der eigentlichen Passhöhe verläuft die Grenzlinie zu Spanien. Ein Grenzstein zeigte an, dass wir uns im spanisch-baskischen Navarra befanden: ein weiterer Grund, warum diese Etappe unvergesslich bleiben wird.
Bei den Quartieren, beim Essen in den Bars oder Restaurants, in den Kirchen oder, wenn wir einen Pilgerstempel bekommen wollen, versuchen wir jetzt, uns in Spanisch zu verständigen. Manches kam uns dabei „Spanisch vor“, aber insgesamt gesehen kamen wir gut zurecht.

Alle, die sich für den Jakobsweg interessieren oder schon mal Bilder von diesem Pilgerweg gesehen haben, können sich sehr wahrscheinlich an folgende Namen erinnern: Roncesvalles, Alto del Perdón und Puente la Reina. Natürlich waren diese Namen auch für uns ein Begriff und von daher war das Erreichen dieser Orte ein weiterer Grund, warum diese Etappe unvergesslich bleiben wird.

Roncesvalles ist der Ort, wo praktisch alle Pilger das erste Mal in Spanien übernachten, nachdem sie die Pyrenäen überquert haben. Als wir am Abend  die Pilgermesse mitfeierten, wurden wir zusammen mit Pilgern aus etwa 25
anderen Ländern begrüßt und erhielten am Schluss der Messe den Pilgersegen.
Auf dem Alto del Perdón befindet sich ein Pilgerdenkmal. Man kann auf dieser kleinen Anhöhe eine Art wandernde Pilgergruppe sehen, die an die Be- sonderheit dieser Stelle erinnert: Man spürt auf dieser Anhöhe starken Wind und kann in der Nacht die Sterne bewundern und so gilt diese Anhöhe als der Ort, wo die Pilger Wind und Sterne geschenkt bekommen.
Die Brücke der Königin (Puente la Reina) gilt als d a s Wahrzeichen des spanischen Jakobsweges. Auf nahezu allen Beschreibungen des Jakobsweges findet sich ein Bild dieser Brücke. Als wir diese Brücke sahen und überschritten, waren wir endgültig im spanischen Teil des Jakobsweges angekommen.

Nicht jedes Jahr werden so viele Höhepunkte mit dem Jakobsweg verbunden sein wie dieses Jahr, aber 2012 war aus den genannten Gründen schon eine besondere Etappe.
Was bleibt, ist bei uns Pilgern ein großes Gefühl der Dankbarkeit. Wir sind jetzt seit Vezelay über 1000 km gepilgert! Wir bedanken uns bei allen, die an uns gedacht und die für uns gebetet haben. (Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich glaube, ohne das Gebet anderer für uns, wäre vieles nicht so gelungen, wie es uns geschenkt worden ist.) Von dieser Wegetappe werden wir zehren und Kraft schöpfen für den Alltag.


Matthias Karwath

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